Sagen und Mythen aus dem Harz

Vom Auszug der Harzer Bergknappen

Bis zur Zeit Kaiser Heinrich des Vierten war der Harzer Bergbau in gutem Stande. Der junge König, durch das Ableben seines Vaters Heinrich des III. mit sieben Jahren auf den Thron gekommen und vom Erzbischof zu Bremen in aller weltlichen Lust und Verführung erzogen, änderte auch in seinen späteren Regierungsjahren, die er zumeist in Goslar verlebte, nicht seinen ausschweifenden Lebenswandel. Er zog sich durch seine Laster den Unwillen und die Feindschaft seiner sächsischen Untertanen zu, die mehr als einmal in offener Verschwörung gegen ihn aufstanden.

Um seine Bergwerke im Harz zu besichtigen, kam er im Jahre 1080 auch einmal nach Pöhlde. Da er erfahren hatte, dass der wegen seiner Gerechtigkeitsliebe allseitig verehrte Berghauptmann Albrecht von Lutterberg, dem das Scharzfelder Bergrevier unterstand, auf der Burg Scharzfeld eine junge und schöne Frau geheiratet habe, lud er ihn zu sich ins Kloster Pöhlde ein und schickte ihn von da aus nach Grund, die neuen Stollen zu besichtigen und ihm über ihre Ergiebigkeit Bericht zu erstatten. In der Zeit seiner Abwesenheit überfiel Heinrich mit Hilfe eines Pöhlder Mönches, der sich durch sein geistig Gewand Einlass auf der Burg zu Scharzfeld verschaffte, die Frau des Berghauptmannes und entehrte sie. Als Albrecht aus Grund zurückkam und von seiner tiefgekränkten Frau erfuhr, was geschehen war, ritt er am nächsten Tage dem Kaiser nach und forderte von ihm in Goslar Rechenschaft und Genugtuung. Hohnlachend erwiderte ihm Kaiser Heinrich inmitten seines Gefolges:

"Alles, was auf dem Harze wächst, ist mein Eigentum! Kümmere du dich um das, was unter dem Harze liegt!"

Mit gezogenem Schwert drang Albrecht von Lutterberg auf den Kaiser ein, doch wurde er von den Gefolgsleuten überwältigt und hinausgedrängt. Hoch aufgerichtet stand er auf dem Platz und drohte mit dem zerbrochenen Schwert zur Kaiserpfalz hinüber: "Das soll dich gereuen, dass du Gewalt vor Recht gehen läßt!" Mit dem Schwertknauf schlug er an die bronzene Brunnenschale, dass es wie Sturmglockengeläut dröhnte, welches bis zu den Bergknappen tief im Rammeisberg drang, die eilig die Stollen verließen und in der Meinung zu Tage fuhren, es drohe ihrer Stadt Gefahr durch Feinde. Am Kindbrunnen begegneten sie dem Berghauptmann, der ihnen die Schandtat des Kaisers berichtete und sie aufforderte-, mit ihm und ihren Familien die Heimat zu verlassen und in das Erzgebirge zu ziehen. So warb er, von Ort zu Ort reitend, in Clausthal, Zellerfeld, Andreasberg, Grund und Scharzfeld, und zog mit ihnen am dritten Tage aus dem Lande, nachdem sie überall die Stollen verlassen und die Fahrkunst zerstört hatten.

In Freiberg fanden sie eine neue Heimat und gruben dort nach Silbererz, das nun nicht mehr die Schatzkammer Kaiser Heinrichs, sondern die seines Gegners, des Markgrafen von Meißen, füllte. Der Bergbau im Harz soll zehn Jahre stillgelegen haben, wie die alte Sage erzählt.

Der Chronist Thomas Schreiber aber berichtet, dass sächsische Fuhrleute an dem Ort, da jetzt Freiberg steht, in einem Wagengleis einen dem Goslarschen Erz sehr ähnlichen Bleiglanz gefunden hätten, von dem sie einige Steffen mit sich nach Goslar genommen, und als es Silber gehalten, sich die Sachsen an das böhmische Gebirge gewendet haben, daher noch die Sachsenstadt bei Freiberg genannt ist. Das soll um 1170 zur Zeit des Markgrafen Otto gewesen sein, der davon reich wurde.

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