Sagen und Mythen aus dem Harz

Die Walpurgisnacht

Schon liegt ein roter Schein auf den Buchenbäumen, in den Knospen wispert's und knispert's und die Tannen und Fichtenbäume können sich kaum noch halten, ihren Schuss zu tun; denn es will Frühling werden. Nicht lange mehr kann der wetterwendische April seine Launen spielen lassen. Einmal nur noch darf er sich austoben: das ist in der Geburtsstunde des Maientages, in der Walpurgisnacht.

Ja, die Walpurgisnacht! Davon können wir Harzer ein Lied singen. Da hat das Hexenvolk Familientag auf dem Brocken, und Beelzebub hält seine Heerschau. Alle Teufel, groß und klein, alle Hexlein, jung und alt, haben an diesem Hexensabbat zu erscheinen. Und dann beginnt es eine Stunde vor Mitternacht: Ein Rauschen geht durch die Bäume, ein Brausen durch das Tal; es heult über die Berggipfel, pfeift gellend um die Klippen, peitscht über die Wipfel - eine unheimliche Musik. Dabei dampft und brodelt es in den Tälern, legt sich bleischwer in die Klüfte, wogt empor und frisst als gespenstisches Wolkengewoge weit und breit das Meer der Sterne.

Das wilde Volk ist unterwegs; denn keiner will den Tanz auf dem Brocken oder vielmehr auf dem Blocksberg, so heißt jener als Hexenberg, versäumen. Sie reiten auf Biesen und Heugabeln, auf Haspeln, Butterfässern und Bäumen, auf Gänsen und Puterhähnen, Ziegen und Ziegenböcken, Hähnen und Katzenschwänzen, Eseln, Pferden und anderen Tieren, manche auch auf Menschen, die sie unterwegs antreffen. Einige streichen vorher die Besenstiele mit Hexensalbe ein, andere reiben sich selbst damit ein; die einen sprechen:

"Fahre hin,
nach dem Blocksberg steht mein Sinn!"

andere gebrauchen plattdeutsche Zaubersprüche. Die meisten setzen sich rücklings auf ihre Reiter; alle aber fliegen im Hui durch den Schornstein dem Blocksberg zu. Ihre Reitpferde nehmen sie oft, wo sie dieselben gerade finden. Wer die Hexen vorüberreiten sehen will, muss sich unter zwei aneinander gelehnte Eggen setzen. Doch wehe, wenn auch nur ein Zipfelchen hervorlugt. Dann reißen sie den unbequemen Lauscher mit. Wenn er dann, auf einem Pferdegerippe liegend, am anderen Morgen erwacht und zu Fuß heimgehen darf, kann er noch von Glück sprechen.

In der großen Hexenversammlung auf dem Blocksberg hält der Teufel von der Teufelskanzel herab eine Rede. Man sieht hier junge Hexen, nackt und wild, dort alte, die sich klug verhüllen. Meerkatzen, Raben und Unken geistern zwischen ihnen umher. Nachdem jeder Anwesende dem Teufel den Pferdefuß geküsst hat, schreitet man zum festlichen Mahle, und dann folgt der Höhepunkt des Treffens: der Hexentanz. Da ist wirklich "der Teufel los", und die Rührigste soll des Teufels Großmutter sein. In wildem Taumel dreht sich alles zu schauriger Katzenmusik. In tollem Wirbel reißt der Höllenfürst jede Hexe herum, bis sie vor Erschöpfung zusammenbricht.

Ein gellender Pfiff durchdringt das Hexengetöse. Das ist das Zeichen zum Kehraus. Die Hexen ergreifen ihre Reisigbesen, und in jagender Hast fegen sie den Schnee von der Brockenkuppe; denn beim ersten Sonnenstrahl muss die Arbeit beendet und der ganze Spuk verschwunden sein, dann blinkt und klingt ein neuer Glanz und Ton durch die verjüngte und verschönte Welt der Harzberge, und über die Täler schwebt es frohlockend: Der Mai ist gekommen!

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