Sagen und Mythen aus dem Harz

Prinzessin Ilses Hilfe

In Ilsenburg lebte vor vielen Jahren ein fleißiges Ehepaar namens Hartmann. Der Mann ging Tag für Tag in den Wald zur Arbeit, aber alle Arbeit half ihm wenig, die häuslichen Verhältnisse zu verbessern. Seine Frau war kränklich, und die Apotheke verschlang manchen schwer verdienten Groschen.

Die Hartmanns waren aber nicht gewohnt zu klagen, sie trugen ihre Sorgen still und verschlossen in sich.

Die Kinder wuchsen heran, aber noch war keines soweit, dem Vater etwas verdienen zu helfen. Auch mit Beerensuchen und Holzlesen kamen keine Reichtümer ins Haus. So nahm denn Hartmann jeden Verdienst, der sich bot, an und ging eines Sommerabends für den Doktor nach Harzburg, um Medikamente zu holen. Den Hinweg legte er ohne Erlebnisse zurück, aber auf dem Rückweg ward es ihm mit jedem Schritt sonderbarer zumute. Über den Weg huschten Schatten, ohne dass er die Gestalten sah, von denen doch die Schatten kommen mussten. Eulenruf und Hundegebell hörte er; er konnte nicht erkennen, aus welcher Gegend die Töne kamen. Plötzlich ertönte schauerlicher Gesang, der näher und näher kam. In diesem Augenblick erst fiel es ihm ein, dass es Johannisnacht sei und nirgends geheuer im Walde. Die Ecker schwoll zu einem mächtigen Strome an, und er sah eine riesige Brücke, die sonst nicht dort gewesen war. Über diese Brücke schritten zwölf vermummte Gestalten, die einen Sarg trugen. Da wurde es Hartmann so bange ums Herz, das er lief und lief - den dumpfen Gesang der unheimlichen Nachtwanderer hörte er aber noch lange.

Erschöpft sank Hartmann nieder, ohne zu wissen, wo er sich befand. Weit von zu Hause musste er aber sein; denn er war lange bergauf und bergab gelaufen - und im Osten dämmerte schon der Morgen.

Eine liebliche Jungfrau stand plötzlich vor ihm und sah ihm traurig ins Gesicht. "Wer bist du?" rief Hartmann erschrocken, "Ich bin ein unglückliches Wesen, nicht Mensch, nicht Geist. Verzaubert weile ich schon viele hundert Jahre da drinnen im Ilsestein, und keiner ist so mutig und so stark, mich zu erlösen. Wenn du es tust, soll all deine Not vorüber sein, und ich finde meine Ruhe. Du bist ein Auserwählter, der mehr sieht und hört als andere Leute, darum habe ich dich auch dazu ausersehen, mich zu erlösen. Folge mir!"

Hartmann stand auf. Alle Erschöpfung war vorüber, und im Gehen vor sich hin den Geistersegen flüsternd, folgte er der Jungfrau. "Was sprichst du da?" fragte diese. "Ich bin kein böser Geist. Es wird auch von dir nichts verlangt, was ein Mensch nicht tun dürfte." Hartmann war verlegen und gab keine Antwort. Da standen sie vor dem Ilsestein. So weit war Hartmann also gelaufen! Der Ilsestein tat sich auf. Die Prinzessin Ilse (denn diese war die Jungfrau) ging hinein und ließ Hartmann folgen. Was sah er nicht alles: Gold, Geschmeide; edle und schöne Pferde.

Die Prinzessin reichte Hartmann einen neuen Korb, der ziemlich schwer war, und sagte: "Wenn du in diesen Korb erst hineinsiehst, wenn du zu Hause bist, so wirst du ein reicher Mann, und ich bin erlöst."

"Weiter nichts?" dachte Hartmann. "Das will ich schon machen!" Damit ging er seiner Wege. Der Korb wurde schwerer und schwerer. Der Mann keuchte zuletzt unter der Last. Er setzte ab, nahm von neuem die Bürde und schritt wieder vorwärts. Aber die Neugierde siegte - er riss den Korb von der Schulter und sah hinein. "Hafer! Nichtsnutziges Weibsbild!" brüllte Hartmann. So böse war er noch nie im Leben gewesen. "Denkst wohl, wir essen Hafer?"

Sparsam war Hartmann. "Der Korb", so sprach er vor sich hin, "ist gut und neu, aber den schweren Hafer schütte ich aus."

Gedacht, getan! Da rollte der goldgelbe Hafer hin, und die Ilsewellen flössen darüber und führten ihn mit sich fort.

Verdrießlich langte Hartmann zu Hause an, erzählte seiner Frau die Erlebnisse der Nacht und seine vergebliche Hoffnung auf Hilfe.

"Sei nicht unzufrieden", meinte sie, "du hast einen neuen Korb, nun freue dich doch über diesen." Sie besah das Geschenk der Prinzessin, und dabei fielen noch goldene Haferkörner heraus. Was halfen nun Hartmann seine Selbst vorwürfe! Der verschüttete Hafer war verschwunden. Soviel er auch die Prinzessin rief, er sah sie nicht wieder.

Das wenige gerettete Gold reichte gerade hin, um ihn aus den drückenden Sorgen zu befreien. Oft aber schwebte ihm das traurige Gesicht der verzauberten Prinzessin vor den Augen. Aber die Reue kam zu spät, wie es ja meist geschieht, und die Prinzessin harrt noch heute der Erlösung.

Zur nächsten Harzsage: Prinzessin Ilse und der Köhler
Zur vorherigen Harzsage: Woher der Ilsestein seinen Namen hat
Zur Übersicht Sagen und Mythen aus dem Harz
Zur Startseite
Zum Harzplus Shop ...

Aktuelle Produkte im Shop

Diese und andere Produkte finden Sie im Onlineshop. Nehmen Sie Sich ein wenig Zeit und durchstöbern die Angebote.

Nehmen Sie Kontakt auf

Sind sie möglicherweise auf der Suche nach einem speziellen Produkt und sollten nicht fündig werden, benutzen Sie bitte das Kontaktformular, denn ich bin bemüht jede Kundenanfrage zu Ihrer Zufriedenheit zu bearbeiten.